_hanging man


PHILOSOPHIE

Der 'hängende Mensch' ist nichts Unmögliches, vielleicht ist diese Situation nur weniger bekannt. In meiner Jugend hing ich als Bergsteiger auf den Hügeln von Palava und wurde dabei von dem weinberauschten Gitarrenspieler namens Emil gesichert. Später, als ich mehr und mehr an Kilos zunahm, kamen Sportarten wie 'Paragliding', 'Rogalo' und Bungee-Jumping' auf. Dafür fehlten mir einfach das nötige Gewicht, der Mut und das Alter. Nach meinem Sturz auf den Hügeln von Palava kam eine Zeit, in der ich alle 'Hängenden' und 'Fliegenden' bewunderte. Viele Jahre war ich auf die Spinnen eifersüchtig, wie sie sich an ihren zarten Fäden durch den Raum bewegten.

Es geht nicht nur um das Hängen an sich, sondern um eine Situation, in der sich die Form der Bewegung zu ändern beginnt. Unter üblichen Umständen bewegen wir uns auf der Horizontalen oder in Systemen horizontaler Ebenen, welche im extremsten Falle geneigte Winkel haben. Reibung, Gravitation und Horizontale bestimmen den Charakter der Bewegung. Wenn ich hänge, werden die Bewegungen radikal verändert und stark reduziert. Aber dafür ergibt sich ein Bewegungsvokabular, das ich bisher noch nicht kennen gelernt hatte.

Nach mehrjährigem Experimentieren an Hängesystemen schließen wir die Studienetappe ab und legen unsere Ergebnisse vor. Wir sprechen über allgemein bekannte und verständliche Themen, aber wir sprechen mit einer neuen, eher nicht wahrgenommenen Sprache. Es ist nicht möglich, den Hängezustand auf die gewohnte Dauer eines dramatischen Ablaufs zu verlängern. Es geht uns um kurze Bilder, die mich an asiatische siebzehnsilbige Gedichte, Haikus, erinnern. Die Intensität und das Bestreben, die Essenz der Idee in das Bild hineinzulegen, erinnert mich gleichzeitig an die Zeichnungen von Matisse. Nach vielen Stunden im Hängen beginnen die Mimen Erfahrungen zu sammeln, die andere, sollten sie nicht ähnliche Situationen erleben, nicht haben werden. Nach einigen öffentlichen Demonstrationen bekam ich das Gefühl, daß es sowohl auf die Konzentration und den Ausdruck des Mimen ankommt, als auch vom Zuschauer eine Konzentration gefragt ist, um das Bildnerische des Hängens aufnehmen zu können. Jede so wahrgenommene Sekunde verlängert sich, es ist also möglich, mehr Inhalt in objektiv kurze Zeitebenen hineinzulegen. Technische Pausen, die im Normalfall unmöglich erscheinen würden, können somit akzeptabel sein. Ein großes Einatmen beim Spielen und ein langes Ausatmen in der Pause bei Spieler und Zuschauer.

Zum Schluß die letzte Erfahrung: Wenn der Schauspieler unter gewöhnlichen Umständen improvisiert, geht er mit einer vagen Idee an die Improvisation heran, mit der Hoffnung, daß er einen Einfall bekommt. In den Hängezustand ohne Konzept oder Idee zu gehen, ist dagegen nicht möglich. Auch ist es sinnlos, im Hängen mit dem Blickkontakt Beziehungen aufzubauen; man kommt niemals zu dem Punkt, daß sich die Beziehungen entwickeln können. Das Hängen macht es unmöglich, die Bewegungsphrasen zu gebrauchen - erst mal oben, verlieren bekannte Bewegungen völlig ihre Logik und Begründung. Übergänge fehlen, die Bewegungen sind andersartig formiert und erschweren es, uns bekannte Gefühle auszudrücken.

Wahrscheinlich haben wir mit diesem Experiment das Hängen im Raum ausgeschöpft. Wir werden in anderen 'dunklen Ecken der Bewegung' weitersuchen. (Ctibor Turba über Hanging Man)

 

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