Wider die Entmagnetisierung des Theaters. I
Filmreihe aus den Archiven des Mime Centurm Berlin

 

PlakatSpätestens seit Lessing haben wir einen Begriff von der Vergänglichkeit des Theaters. Heute wissen wir, daß auch die modernen Medien, mit denen wir Theater behelfsweise „festhalten“, vergänglich sind: das Videoband entmagnetisiert sich beständig, unsere Erwartungen an die Langlebigkeit der DVD werden mehr und mehr relativiert. Das sind einige der Gründe für eine Veranstaltungsreihe, die darüber hinaus auch Kommunikation befördern will über Theateraufführungen, fast vergessene oder unbekannte ebenso wie über gerade entstandene und verpaßte ...

Do 02.12.04 MEZZO (CZ,DK,IS)
"Secondhand Woman"
Do 16.12.04

KARINA HOLLA (NL)
"Solo Duo"

Do 06.01.05 MCB/CTIBOR TURBA (D/CZ)
"Hanging Man"
Do 20.01.05 PAUL CLARK (GB,NL)
"Sucking Stones"
Do 03.02.05 EN KNAP & Iztok Kovac (SLO, D)
"Far From Sleeping Dogs"
Do 17.02.05 JAQUES LECOQ (F)
Demonstrationsvortrag in der Akademie der Künste Berlin/O 1987

Beginn jeweils 19.00 Uhr, Eintritt frei
Mime Centrum Berlin, Schönhauser Allee 73, 10437 Berlin
U2 /S8/S4 Schönhauser Allee
Informationen: Tel. 44 65 18 60/61

Die Veranstaltungsreihe ist ein Kooperationsprojekt des Mime Centrum Berlin und des Medienlabors am Institut für Theaterwissenschaft der FU Berlin.

Mezzo: Secondhand WomanMEZZO (CZ,DK,IS)
"Secondhand Woman"


Fünf Frauen, alle über dreißig - weder Mädchen noch Damen, gesundes Selbstvertrauen und natürlicher Weise unsicher. Sie haben unterschiedliche Pläne. Alle sind freiberufliche Künstlerinnen. Sie sind im „mittleren Alter“, können nochmals von vorn anfangen und größere Pläne machen.

Was erwartet die Gesellschaft von ihnen? Wie sollten sie aussehen, wo gehören sie hin? Sie wollen sie selbst sein und sind darauf eingestellt, ihre freie Wahl zu verteidigen. Fast alle von ihnen werden als zu unabhängig und zu kompliziert kritisiert. Einige von ihnen sind verheiratet, andere haben Liebhaber. Wie sieht das für andere 30jährige aus? Sie sind alle anders und doch haben sie gemeinsame Probleme: Schaffen versus Familie versus finanzielle Unsicherheit versus Fähigkeiten, und Talent versus Unabhängigkeit versus Wunsch nach einem Zuhause versus Bild von einer guten Ehefrau.

Wie sind Frauen in Tschechien, wie sind sie in Island, wie in Dänemark oder Deutschland?

Theme, concept, cast: Secondhand Women:

    Daniela Vorácková (CZ)
    Helene Kvint (DK)
    Petra More Lustigová (CZ)
    Halka Trešnáková (CZ)
    Stefania Thors (IS)

directing collaboration: Viktorie Cermákova
music: Lada Plachá
light design: Šárka Havlícková
visual supervision: Maria Šmidl (DK)
corsets: Federica Forni (IT)
lyrics: Elisabet Jökulsdóttir (IS) & Secondhand Women
production: Dana Dvoráková.

    Premiere on the 20th November, 2003, at the Alfred ve dvore (Alfred in the Yard Theatre), Prague
    Performance lasts 80 minutes
    The performance is a part of the NEW NET project and came into existence in co-production with the civic society MOTUS.

PETRA MORE / SEA LUSTIGOVÁ (CZ)
A graduate in acting from the Academy of Performing Arts (DAMU) in Prague. She was a member of the drama company of the Divadlo Komedie in Prague and since 1994 she has worked with various ensembles including A-Studio Rubín, Theatre On the Edge, Tuju, Forward, DEREVO.

HELENE KVINT (DK)
She studied acting at the School of Stage Art under the theatre Cantabile 2 (DK). In 1995-2003 she has worked with various theatre groups, mainly in Germany. Since 1998 she has created several solo projects which were performed in theatres throughout Denmark, on Danish TV, in Germany and in the Czech Republic. In 2001 she co-founded the theatre Antena together with Petr Krušelnický.

STEFANIA THORS (IS)
A graduate from the Department of the Alternative and Puppet Theatre at the Academy of Performing Arts (DAMU) in Prague, she has lived and worked in Prague since 1996. She creates mainly motion, visual and multimedia theatre experiments. In 2003 she created a solo theatre experiment A Comparatively Peaceful Existence, which won the „Project of the Year“ award at the Next Wave Festival in Prague.

HALKA TREŠNÁKOVÁ (CZ)
Actress and performer, teacher. She graduated from the Department of Non-verbal and Comedy Theatre of Professor Ctibor Turba. She works in the Czech Republic and Germany. She took part in Ctibor Turba’s famous project, Hanging Man (1997) as author and interpreter. She performed the experiment I Got Dressed and Ate in her own flat. Trešnáková organises workshops and collaborates on motion concepts for other drama companies.

DANIELA VORÁCKOVÁ (CZ)
Since 1988 she has collaborated with the poetry theatre, Protoc, with the Dutch company Dogtroep and others. In the 2001-03 seasons she worked as literary director of the theatre, Alfred ve dvore (Alfred in the Yard). In 1999 she founded the theatre formation Stage Code, together with P. Schenker.

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Karina Holla (NL)
"Solo Duo"
Karina Holla: Solo Duo

Es geraten zwei Frauen in einen Clinch, in dem das Ausleben von Gefühlen, Ängsten, Sehnsüchten, Lüsten variationsreich und mit handwerklicher Akribie vorgeführt wird. Der collageartige Alptraum führt zwei Freundinnen in einem Spannungsfeld von Annäherung, Besitzergreifung und Vernichtung vor: in expressiven Bewegungen, Posen und Arrangements sowie exzessiven Ausbrüchen eskaliert eine Demonstration menschlicher Verhaltensweisen.

Die schonungslose Rivalität, mit der die beiden Frauen sich begegnen befördert eine Darstellungstechnik, die körperliches Verhaltensrepertoire des Alltags ins Extreme treibt. Es gelingt den Darstellerinnen, die Balance des Spielerischen zu erhalten. Unablässig kippen Spielsituationen und Theatersituationen um, vernetzen sich in einem komplizierten Spiel im Spiel, in dem auch Theaterkonventionen und Theaterformen befragt werden.

Darsteller: Karina Holla, Ingrid Kuypers
Regie: Rense Royaards
Produktion: Karina Holla, 1986
Aufzeichnung: 1988, 5. Festival der Woche des gestischen Theaters im Berliner Prater

KARINA HOLLA (Niederlande)
In den 70er Jahren studierte Karina Holla Pantomime an der Amsterdamer Theaterschule. Zudem auch Schülerin der Decroux-Mime entwickelte sie jedoch eine eigene Spielweise, basierend auf physischen Theater. Angelehnt an das Groteske und Fantastische, entwickelt sie kraftvolle ausdrucksstarke Charaktere, bei einem gleichzeitig konzentrierten Gebrauch von Sprache. Einerseits grotesk und extrem körperlich, andererseits leise und literarisch poetisch, ist es gerade diese Balance, die Karina Hollas Arbeit auszeichnet.

Seit Beginn der 80er produziert sie ihre eigenen Stücke. Ihr Interesse gilt häufig berühmten Künstlern der 20er/ 30er Jahre. So auch in ihrer aktuellen Performance „Precious Liquids“, die sich mit dem traumatischen Leben der Bildhauerin Louise Bourgeois beschäftigt.

Für ihre künstlerische Arbeit hat Karina Holla diverse Preise erhalten. Als Workshopleiterin war sie auch im Mime Centrum zu erleben.

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MCB/CTIBOR TURBA (D/CZ)
"Hanging Man"

„Nach einem Sturz auf den Hügeln von Palava kam eine Zeit, in der ich alle 'Hängenden' und 'Fliegenden' bewunderte. Viele Jahre war ich auf die Spinnen eifersüchtig, wie sie sich an ihren zarten Fäden durch den Raum bewegten“
(Ctibor Turba)

„Hanging Man“ – Das Projekt

„Hanging Man“ - so hieß das gemeinsames Projekt des Prager Mime Theaters 'Alfred im Hof' und des Mime Centrum Berlin, das drei Jahre der experimentellen Bewegungsstudien von Prof. Ctibor Turbas Schülern bilanziert.

1995 gelang es dem Mime Centrum Berlin diesen namhaften Dozenten und Regisseur zum Theaterlabor Berlin’95 einzuladen, um einen Workshop zu geben. Ctibor Turba wählte einen Workshop (thematische Vorgabe: Bewegung – Raum), der sich dem Körper unter Einfluß der Gravitation widmete – Hanging Man.

„Nur in Ausnahmefällen – und meistens für einen kurzen Augenblick – geraten wir in Situationen, in denen die Bewegung durch ein anderes Prinzip bedingt wird. Schwimmen, Fliegen, Fallen, die Schwerelosigkeit, und eben der Hängezustand. ... Wenn ich hänge werden die Bewegungen radikal verändert und stark reduziert. Aber dafür ergibt sich ein Bewegungsvokabular, das ich bisher noch nicht kennen gelernt hatte.“
(Ctibor Turba)

12 ausgewählte Teilnehmer mit professioneller Ausbildung bzw. Tätigkeit im Bewegungstheater nahmen an diesem dreiwöchigen Workshop im Juli / August 1995 teil.

Im August 1996 wurde diese Arbeit innerhalb eines Research-Projektes fortgesetzt. Hierbei arbeiteten die Bewegungskünstler mit Bildhauern zusammen. Es ging um die Findung eines adäquaten Bewegungsmaterials in verschiedenen Hängepositionen bzw. um die Entwicklung verschiedenster Hängekonstruktionen im Hinblick auf eine spätere Verwendung für eine Aufführung.

Die Performance schließlich hatte 1997 in Prag Premiere und war in den darauf folgenden drei Jahren weltweit zu sehen.

„Hanging Man“ – Die Performance

„Hanging Man“ wurde von einem Kritiker als 'Fledermausballett' beschrieben. Die vier Performer hangeln, hängen und schwingen an der Decke und untersuchen neue Wege sich mit ihrem Körper in 11 kurzen Bewegungsszenen innerhalb des Stückes auszudrücken.

„Es ist nicht möglich, den Hängezustand auf die gewohnte Dauer eines dramatischen Ablaufs zu verlängern. Es geht uns um kurze Bilder, die mich an asiatische siebzehnsilbige Gedichte, Haikus, erinnern. Die Intensität und das Bestreben, die Essenz der Idee in das Bild hineinzulegen, erinnert mich gleichzeitig an die Zeichnungen von Matisse.“
(Ctibor Turba)

Begleitet durch die improvisierte Musik des Flötisten Jiri Stivin ist jede einzelne Szene ein Kampf gegen Konvention und Gravitation, wobei die Performer, mit dem Kopf nach unten hängend, sich moderne Mimetechniken zu Nutze machen, um einen einzigartigen abstrakten Bewegungsausdruck zu erreichen, der die elementaren und instinktiven Kommunikationsformen bei den Spielern und beim Zuschauer erwecken soll.

„Nach einigen öffentlichen Demonstrationen bekam ich das Gefühl, dass es sowohl auf die Konzentration und den Ausdruck des Mimen ankommt, als auch vom Zuschauer eine Konzentration gefragt ist, um das Bildnerische des Hängens aufnehmen zu können. Jede so wahrgenommene Sekunde verlängert sich, es ist also möglich, mehr Inhalt in objektiv kurze Zeitebenen hineinzulegen. Technische Pausen, die im Normalfall unmöglich erscheinen würden, können somit akzeptabel sein. Ein großes Einatmen beim Spielen und ein langes Ausatmen in der Pause bei Spieler und Zuschauer.“
(Ctibor Turba)

Die kurzen, nur ein paar minutenlange Bilder, mit lakonischen Namen wie Ab-Hängigkeit, Insekten, die Hand, der Kopf, stellen eine gründliche Sinnesorientierung für den Zuschauer dar.

Performer:

    Ondrej Lipovský (CZ)
    Marc Pohl (D)
    Halka Tresnáková (CZ)
    Petr Kruselnický (CZ)
Leitung des Projekts und Regie: Ctibur Turba (Leiter des Lehrstuhls 'Nonverbales Theater' der Prager Akademie HAMU; 1997 Gründung des Prager Mimetheaters 'Alfred im Hof')
Premiere: 11. Juni 1997 im Mime-Theater 'Alvred ve dvore' in Prag
Aufzeichnung: 26. Juni 1997 im DOCK 11 in Berlin
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PAUL CLARK (GB,NL)
"Sucking Stones"

Angeregt durch Becketts Text 'Molloy' entwickelte Clark seine Inszenierung „Sucking Stones“, ein keineswegs absurder, sondern vielmehr unterhaltender Exkurs über kommandiertes Verhalten und die Ordnung der Dinge, über die Dialektik von prinzipieller und lebendiger Ordnung und Freiheit. Der philosophische Tiefgang, den er banalen Vorgängen abgewinnt, hat etwas Bestechendes, Intellektualismus und Naivität gehen ein spannungsvolles und spannendes Verhältnis ein. Die Eindringlichkeit der Aufführung basiert nicht zuletzt auf der souveränen Körper- und Sprachbehandlung Clarks.

Aufzeichnung: 1988 Prater Berlin, 5. Festival der Woche des gestischen Theaters

PAUL CLARK
Paul Clark wurde in London geboren, studierte dort Theater, Mime und Tanz. Seit 1978 lebt er in den Niederlanden. Die zahlreichen Ein-Mann-Stücke, die er geschrieben und aufgeführt hat, sind weltweit zu sehen gewesen. Seit 2001 ist er zudem bei ’Radio Netherlands’ als Nachrichtensprecher zu erleben. Seine Begeisterung für die Mathematik spiegelt sich in seinem künstlerischen schaffen, so auch in dem Brettspiel 'Krabcek', das Paul Clark 2001 auf den niederländischen Markt brachte.

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EN KNAP & Iztok Kovac (SLO, D)
"Far From Sleeping Dogs"

 
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JAQUES LECOQ (F)
Demonstrationsvortrag in der Akademie der Künste Berlin/O 1987

Die Schule eröffnet Wege für Theater, die noch geschaffen werden müssen;
diese Theater gehören ganz den Schülern, ihren Ideen, ihrem Spürsinn.

Lecoq

"Ecole de Mime-Mouvement-Théâtre" - Lecoqs Schauspielpädagogik

Mit seiner Rückkehr nach Paris gründete Lecoq 1956 die mittlerweile international renommierte Theaterschule. Bis zum Ende seines Lebens war er dort leidenschaftlicher Lehrer und entwickelte im Laufe der Zeit eine eigenständige Schauspielpädagogik.

Woraus bestehen seine Lernmethoden und welche Philosophie verbirgt sich dahinter?

Für Lecoq heißt Auseinandersetzung mit dem Theater als Beruf gleichzeitig Auseinadersetzung mit der Gesellschaft, die beim angehenden Schauspieler auch ein Prozess zur Bewusstmachung der eigenen Stellung im Bereich des Theaters, aber auch in der Gesellschaft insgesamt in Gang setzen soll. In diesem Sinne steht für Lecoq die Schauspielausbildung im Zeichen des Verhältnisses des Körpers mit dem Raum. Daher steht der menschliche Körper im Vordergrund der Ausbildung. So steht auch das psychologisierende Spiel ganz am Ende der Ausbildung. Für Lecoq steht das „gemeinsame Erfühlen“ im Vordergrund, er will die Wiederentdeckung einer gemeinsamen Sensibilität erwecken.

Der Schüler soll lernen, sich seiner angewöhnten Reaktionen auf die Umwelt bewusst zu werden und sie für das Schauspiel so weit wie möglich abzulegen. Der angehende Schauspieler soll zunächst einfach nur „sein“, ohne sich vom Willen bestimmen zu lassen. Nur aus dieser Haltung heraus, die ein Haltung der Offenheit gegenüber der Umwelt ist, kann die Regung des Schauspielers als Reaktion auf seine Umwelt aus dem Inneren kommen. Dieser Zustand einer „künstlichen Kindlichkeit“, der Ausgangspunkt der Lecoq’schen Pädagogik ist, wird mit dem Mittel der „neutralen Maske“ zu erreichen gesucht.

Neben der Arbeit mit der Maske ist die „Analyse der Bewegung“ ein entscheidender Punkt in Lecoqs systematisierter und methodischer Schauspielausbildung. Hierbei wird die Zerlegung eines Bewegungsablaufes in einzelnen Attitüden geübt. Diese Technik der Dekomposition dient allerdings nur als pädagogisches Mittel, ist aber niemals der Effekt der künstlerischen Darstellung. Über dieses Körperschule soll vielmehr Freiheit und Leichtigkeit im körperlichen Ausdruck erzielt werden, indem ein Bewusstsein für die Bewegung und Präzision in der Ausführung trainiert wird.

Im Sinne einer freien und individuellen szenischen Darstellung ist die Improvisation der dritte Stützpfeiler der Lecoq’schen Ausbildung. Durch Improvisation soll der Schauspieler für das Ereignis einer Situation sensibilisiert, seine Vorstellungskraft herausgefordert werden.

Die Schauspielausbildung Lecoqs versucht also ein Bewusstsein des Körpers im Raum zu schaffen (und somit ein Bewusstsein der eigenen Rolle als Schauspieler), ein Gefühl der Gemeinschaft im Spiel zu erlangen (und zugleich in der Wirklichkeit), zu einem Begriff der Ökonomie der Geste zu kommen (und somit zum Begriff des Wesentlichen).

Lecoq’s Schule versucht nicht ein System des Ausdrucks zu vermitteln, sonder seine Pädagogik schöpft aus dem Repertoire der Theater verschiedener Völker, Gattungen und Epochen. Die Auseinandersetzung mit der commedia dell’arte, der griechischen Tragödie, dem Melodram, der Pantomime, der Komödie sind fester Bestandteil der Ausbildung.

Und letztlich sollen die Schüler ihre eigene Theatersprache finden, wie es erfolgreich diverse prominente Absolventen dieser Pariser Theaterschule demonstrieren.

Jacques Lecoq wurde 1921 in Paris geboren. Zunächst studierte und unterrichtete er Körpererziehung und Sport. Sein Interesse an der Körpererziehung brachte ihn in Kontakt mit Jean-Marie Conty, über den er Barrault und Artaud kennen lernte.

So kam es, dass Lecoq ab 1945 selbst auf der Bühne stand, woraufhin er von Jean Dasté in der Gruppe „Comédiens de Grenoble“ aufgenommen wurde. Er leitete alsbald das Körper- und Bewegungstraining für seine Schauspielerkollegen. Hier kam er auch zum ersten Mal mit dem Maskenspiel in Kontakt und entdeckte die Ideen Copeaus für sich, als dessen indirekten Erbe er sich später bezeichnete.

1948 ging Lecoq nach Italien, wo er schließlich acht Jahre lebte. Er führte seine ersten Pantomimenstücke im Universitätstheater von Padua auf, an dem er unterrichtete, während er auf den Märkten der Stadt die Commedia dell’Arte entdeckte. Er traf den Bildhauer Amleto Sartori, mit dem zusammen er die „neutrale Maske“ entwickelte. Später wurde er von Giorgio Strehler und Paolo Grassi an das Piccolo Teatro in Mailand eingeladen, um eine Theaterschule mitzubegründen. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer führte er Regie und Choreographie und arbeitete unter anderem, mit Dario Fo zusammen. Er suchte nach neuen Bewegungsformen, angelehnt an zeitgenössische Musik, die Oper oder alte Traditionen. In diesem Zusammenhang erfand er auch Bewegungen für den Chorus griechischer Tragödien, der später eines der didaktischen Elemente seiner Schauspielausbildung wurde.

1956 ging Lecoq nach Paris zurück und gründete seine eigene Theaterschule „Ecole de Mime-Mouvement-Théâtre“, an der er eine eigenständige, körperbetonte Pädagogik für die Ausbildung von Schauspielern entwickelte und anwendete. Nebenher arbeitete er für renommierte Theater, hatte weitere Lehraufträge an Pariser Hochschulen, tourte als Gastlehrer und Redner, unter anderem mit seinem Demonstrationsvortrag „Tout Bouge“. Doch vorrangig widmete er sich seiner Theaterschule, an der er bis zu seinem Tode 1999 unterrichtete. Heute wird diese Schule von seiner Frau, Fay Lecoq, verwaltet.

Kurz vor seinem Tode brachte Lecoq das Buch „Der poetische Körper“ heraus und arbeitete mit an zwei 45-minütigen Dokumentationen seiner Arbeit für das französische Fernsehen.

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Wider die Entmagnetisierung des Theaters. II

MIME CENTRUM BERLIN
Schönhauser Allee 73 D - 10437 Berlin
T. +49 - 30 - 44 65 18 60/61 | F. +49 - 30 - 44 685 1 62